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Mersmann-Forum für zeitgenössische Ästhetik
Paul Mersmann: Sammlung René Schütz

Der Wiesbadener Sammler und Journalist René Schütz veranlasste in den achtziger Jahren eine Reihe fotografischer Aufnahmen von - teilweise noch unvollendeten - Werken Paul Mersmanns (geb. 1929).

Abb. rechts: Das gelbe Zimmer (Privatvilla, Wiesbaden)


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Schrank, Detail, in Farbe (Privatvilla, Wiesbaden)
Paul Mersmann (Privatvilla, Wiesbaden) 3
Hic est finis maris
Paul Mersmann 
(Privatvilla, Schaidt)

Hic est finis maris, Ausschnitt (Schaidt)
Hic est finis maris, Ausschnitt (Schaidt)
Wagemannstr. 25, Treppenhaus (Wiesbaden)
Paul Mersmann
Künstlerwerkstätten Wagemannstr. 25 (Wiesbaden, achtziger Jahre)
Besuch in Wiesbaden

Das Hildastift in Wiesbaden beherbergt eine Serie von acht Tafeln, von Mersmann für das jetzt renovierte Oktogon der Lichtkuppel im Eingangsbereich entworfen. Die Bilder findet man einen Stock tiefer in einem schmalen Gang, in eine fortlaufende Reihe gebracht und in einen Rahmen gebracht. Der Eindruck ist deshalb zwiespältig: man kann nicht weit genug zurücktreten und die Übergänge von einem zum anderen Bild sind nicht so, dass sie den Betrachter ein einziges Bild sehen ließen, was auch von den Motiven her unsinnig wäre. Die Bilder sind dazu eingerichtet, von unten und aus gebührender Entfernung betrachtet zu werden. Es gibt vom Künstler einen erläuternden Text, der ihren Rätselcharakter anschaulich beschreibt. So wünscht man sich, ihnen einzeln oder in einer Umgebung zu begegnen, die es erlaubt, sie annähernd so zu betrachten, wie sie es verlangen. Bei der Neuhängung scheinen sie einige Kratzer abbekommen zu haben, auch fehlt ein Hinweis auf den Künstler.
Im Treppenhaus der vom Maler so genannten Villa Glücklich fühlt man sich überrascht und festlich empfangen von einer kraftvollen, farbintensiven Malerei, die mit Elementen der europäischen Malereigeschichte spielt, dabei den Eindruck äußerster Selbständigkeit erweckt. Die großformatigen, einzeln gehängten Gemälde wurden als geschlossenes Ensemble für einen Raum konzipiert, in dem die verwaiste Deckenmalerei an vergangene Zustände erinnert. Unter anderem zeigen sie Personengruppen, in denen für das ungeübte Auge hier und da etwas von der Manier Beckmanns und des Avigneser Picasso aufzublitzen scheint, doch das bleiben vage Assoziationen. Das größte besitzt den Titel Marco Polo erhält den Auftrag, Venedig zu verlassen - ein Stück imaginativer Historienmalerei, wie man sie kleinformatig auch in den A.B.C.-Büchern findet, lustvolle Erfindungen bizarrer, sanft vorgetragener Figurenensembles oder -konfigurationen. Sie könnten, mit dem von Mersmann gebrauchten Ausdruck, ›karmisch‹ genannt werden, um die Anmutung symbolischer Malerei ansatzweise zu zerstreuen.
Die Tür zur Wohnung geht auf und man blickt fassungslos auf die - aufgrund der Lichtverhältnisse zunächst etwas düster wirkende - Pracht des Gemäldes, das die gegenüberliegende Wand füllt und in den Notizen des Malers das »große Bild« heißt: Mersmanns Geburt der Moderne. Einmal eingetreten, gehen dem Betrachter die Augen vollends über. Der ganze Vorraum ist mit großformatigen Malereien bedeckt, sie ziehen sich über die Kleiderhaken an der Wand und um einen Spiegel, dessen Inhalt wie ein Bild im Bild wirkt. Man befindet sich wie zwischen Raubkatzen, die einen von vier Seiten hinter hohen Gitterstäben ruhelos und apathisch zugleich mit den Augen verfolgen, wohin man sich auch wendet. Nirgends findet sich ein aufgeblasenes, über seine innere Dimension hinausgetriebenes Motiv - was groß ist, ist groß, was klein ist, ist klein. Aber das Ganze geht deutlich über das Fassungsvermögen eines solchen unter heutigen Alltagsbedingungen bewohnten Raumes und seiner Besucher hinaus. Die Geburt der Moderne ist ein grandioses Bild, das sich erst in der Weite musealer Räume dem Blick ganz zu stellen vermöchte. Hier, an diesem Ort, streicht man daran entlang und beschäftigt sich zwangsläufig mit Details, weil man im Ganzen müßig und abgelenkt bleibt.*
In Wiesbaden kann man auch dem Bildhauer Mersmann begegnen: die Figuren der drei Stadtgottheiten Sirona, Epona und Rosmerta in der Nähe des Bahnhofs** sind sein Werk. Auch hier findet man keine Plakette, die auf den Künstler verweist. Es sind schöne spätkubistische Arbeiten. Im ehemaligen Wohnhaus des Künstlers gibt es Malereien im Treppenhaus, die, mit Wandfarbe bespritzt und kräftig zerstoßen, von den jetzigen Besitzern offenbar dem Verfall preisgegeben wurden.
Die Arbeiten in der Villa und im Hildastift datieren vom Anfang und von der Mitte der achtziger Jahre; sie zeigen Mersmann auf dem Höhepunkt seiner konzeptionellen und ausführenden Kraft. Die zwangsvereinigten Tafeln im Hildastift sind ein wunderliches Nebenwerk, das nach dem Ort verlangt, von dem es vertrieben wurde. Anders die Bilder, denen man in der Villa begegnet: diese tiefsinnigen Arbeiten verlangen mit gleicher Intensität danach, gesehen und gedeutet zu werden - in einem sehr weiten Raum. Man ist nicht gut beraten, wenn man den Magnetismus des Unbekannten unterschätzt.
Es ist seltsam, dass man sich angesichts solcher Bilder gedrängt fühlt, etwas zur Verteidigung der Malerei und gegen ihre zeitgenössische Verdrängung durch Installation und Performance zu sagen. Diese Malerei spricht sehr gut für sich selbst. Vor allem ist sie wirklich: wirklich entstanden und wirklich vorhanden. Das sollte genügen.
Ulrich Schödlbauer (2007)


* Ein großes Wandgemälde Paul Mersmanns ist im Pariser Hoftheater (Spiegelgasse 9) zu besichtigen: Zirkus: Eine metallmechanische Zwischenwelt aus Kuben und einer Landschaftsmaschine, wie der Künstler rückblickend schreibt (2008).
**Gegenwärtig (2008) vorübergehend in einem städtischen Depot untergebracht.


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